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ja grundsäzlich, eine Arbeit zu liefern, welche ihren fremden Ursprung nicht fühlen lasse. Wer demnach jenen Anspruch macht, bekennt sich dadurch nur zu einer bestimmten Partei, und vielleicht gar zu der Minderzahl der deutschen Uebersezer. Denn der Grundsaz, dass eine Uebersezung (ich rede hier ausschliesslich von Verdeutschungen altklassischer Schriftsteller, besonders Dichter) ihren fremden Ursprung nicht verläugnen dürfe, hat ziemlich festen Fuss in Deutschland gefasst, und unstreitig auf die freie Fortbildung der deutschen Sprache einen wohlthätigen Einfluss geübt. Aber meines Wissens besteht diese Art Uebersezungskunst allein in Deutschland, und es möchte schwer sein einen Engländer, Franzosen und Italiener zu überzeugen, dass einem Uebersezer weit grössere Rechte über seine Muttersprache zukommen, als einem Nationalklassiker, und ihm begreiflich zu machen, dass, wenn der Uebersezer sich dieser Rechte in so umfassender Weise bedient und dem Nationalklassiker so unähnlich wird, wie es unsere Musterübersezungen zum Theil sind, der deutsche Leser die Dichtung doch noch schön finden und ungestört geniessen könne.

Ich will nun die Grundsäze, denen ich in Handhabung der Sprache, in dem Bau der Verse und in der Anschliessung an das Original gefolgt bin, mehr kurz und in rhapsodischer Form als vollständig und systematisch auseinander sezen, theils zur Rechfertigung meiner Praxis, theils in der Hoffnung, dass es für manchen Interesse haben werde, sich an die Werkstätte des Fleisses geführt zu sehn.

Bisweilen kam mir dabei die Besorgniss, dass diese Normen bereits allgemeine Anerkennung genössen, mithin trivial, ihre Aufzählung unnüz sei. Gleichwohl fand ich von meinen ehrenwerthen Vorgängern, den neuern Uebersezern der horazischen Briefe von Voss bis zu Strodtmann herab, so ganz andere Grundsäze befolgt, dass ich meine Theorie als eine zwar nicht neue, aber doch eigenthümliche und noch streitige ansehen musste. Blos in diesem Sinne habe ich bei vielen meiner Säze, theils im Text, theils unter dem Text, Proben aus der gleichen Arbeit meiner Vorgänger gegeben,

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die ich natürlich nicht gut heissen kann, ohne ihnen jedoch ihre Berechtigung bestreiten zu wollen, sei es dass sie einer grösseren Freiheit in der Metrik huldigen oder dass sie über den Ton, welcher in diesen Briefen herrschen soll, anders denken, als ich. Da die Person nichts zur Sache thut, so schien mirs anständiger, jeden der siebzehn berücksichtigten Uebersezer lieber durch einen willkührlichen Buchstaben, A bis R, zu bezeichnen als mit Namen zu nennen. Je weniger ich also ein Verzeichniss von Fehlern beabsichtigte, desto zweckloser wär' es gewesen, auch Verse, die nach allgemeinem Urtheil verwerflich sind, wie: damit mich ein Pferd trägt, ein Fürst nährt XVII, 23, oder: In dem Falle des Lebens IVII, 23, oder: Der vermåg viel in der fabischen Zunft VI, 52 O) anzuführen. Andererseits trug ich auch nicht das geringste Bedenken von den nämlichen Vorgängern, am häufigsten von Günther und Merkel, alle glücklichen Ausdrücke und Wendungen, die ich bei ihnen vorfand, wie auch Merkel löblicher Weise gethan, zu entlehnen; wofür ich denselben Dank schulde und abstatte. Wenn jeder Uebersezer wieder von Null anfängt, wird es ihm schwer werden, seine Vorgänger zu überholen, und jeder Arbeiter in Wissenschaft und Kunst lässt sich am Ende lieber spoliiren als ignoriren.

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1. Die Sprache.

Jeder Schriftsteller will in seinem besonderen Ton übersezt sein. Die Individualität des Schriftstellers muss jede Uebersezung wiedergeben, aber nicht die seines Sprachidioms. Die absichtliche, studirte, oft forcirte Kürze des Tacitus lässt sich allerdings nachahmen und von Cicero's Breite unterscheiden, auf rein dynamischem Weg und ohne dass man der deutschen Sprache Gewalt anthut, was in meiner Uebersezung von Taciti Germania (Erlangen 1850) mein besonderes Augenmerk war, oder auch durch Anwendung blos mechanischer Mittel wie die undeutsche oder affectirte Ersparung des Artikels und ähnliche Mittel, welche jedoch den wohlthätigen Eindruck seines Stiles stören.

Ein Grundzug von Horazens Wesen und Sprache scheint mir gebildete Einfachheit mit einem gründlichen Widerwillen gegen alles Affectirte und Geschraubte. Selbst jene wenigen Oden, in denen ein hohles Pathos herrscht, zeugen dafür; denn es sind diess eben die höheren Orts bestellten Gedichte, die aus seiner Feder und Kunstfertigkeit, aber nicht aus seinem eigentlichen Geist und Gemüth hervorgingen.

Diese Einfachheit, welche in den Oden durch den lyrischen Schwung, in den Satiren durch den kaustischen Wiz nothwendig alterirt wird, erscheint ganz ungetrübt in den Episteln. In diesen herrscht durchaus die Sprache eines beruhigten Gemüthes, welches keinen andern Anspruch macht, als die Betrachtungen und Gefühle des Dichters im Dialect eines gebildeten Umgangs und in wohllautenden Hexametern auszusprechen. In den Episteln ist wie in den Satiren alles sermoni propius , aber mit dem Unterschied, dass die Satiren sich bisweilen mit Ironie der poetischen Sprache nähern, wie man ja auch den horazischen Hexameter überhaupt eine ironische Nachbildung des heroischen genannt hat; die Sprache der Episteln aber ist frei von dieser Ironie und sezt an deren Stelle jenen gemüthlichen Ton, der besonders das höhere Alter so wohlthuend anspricht.

Diesen einfachen gemüthlichen Ton galt es vor allem in der deutschen Nachbildung zu treffen. Diess war nicht anders möglich als durch die ängslichste Scheu vor allem was affectirt oder hochtrabend klingen könnte. Der nämliche Ton und die nämliche Einfachheit würde einer Uebersezung des Sophocles, selbst im Dialog, übel anstehn. Im allgemeinen war die Norm, der ich folgte: Was sich Göthe und Schiller, die Gebrüder Schlegel, Uhland und Platen und ähnliche Nationaldichter, welche auf eine kühne und (für meinen Zweck) allzu originelle Behandlung der Sprache verzichten, nicht erlaubt haben würden, weil sie es für undeutsch oder wenigstens für anstössig oder auch nur für allzufühlbar durch das Versbedürfniss herbeigeführt erachtet hätten, das glaubte ich mir auch als Uebersezer nicht erlauben zu dürfen.

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Speciell suchte ich die Sprache eben so fern von allem Schwung und Pathos als von Naivetät, Trivialität und niederer Komik zu halten.

Die edle Umgangssprache aber, die ich mir zum Vorbild nahm, modificirt sich weiter auf das mannichfaltigste nach der Stellung, in welcher der Dichter zu dem Adressaten jedes einzelnen Briefes stand; denn mit einem unvergleichlichen Aplomb wahrt er die jeweilige Stellung, spricht würdevoll mit heiterem Freimuth zu Mäcenas, ernst und human als väterlicher Freund zu Lollius und Scäva, voll kecken Humors zu Asella und Vala, mit didactischer Objectivität zu den Pisonen. Je nach dem Ton jedes Briefes darf sich auch seine Sprache in einzelnen Stellen bald zu einer Art Pathos erheben, hier im Ernst, dort mit Ironie; bald zu der Legerität der Komödie sich herabstimmen.

Sofort lasse ich wie gesagt in rhapsodischer Form einzelne Bemerkungen folgen.

Eine besondere Antipathie hege ich gegen drei Gewohnheiten, denen man bei den Uebersezern auch der horazischen Briefe begegnet:

1) die Nichtachtung des Accentes,
2) die Apostrophirung,

3) das Hyperbaton. Auf diese drei Licenzen glauben die Uebersezer der Alten ein besonderes Recht zu besizen, und zwar ein anerkanntes, nach der Häufigkeit, Unbedenklichkeit und Kühnheit zu urtheilen, mit welcher sie von ihnen Gebrauch machen, und nach der Nachsicht, mit welcher Leser und Kritiker diesen Gebrauch gestatten. Es sei auch den Verdeutschern des Homer, Sophocles, Lucrez und Virgil und selbst der horazischen Oden dieses Recht zugestanden, so sehr auch jede dieser drei Licenzen als ein undeutscher Klang mein Gefühl verlezt; hier rede ich lediglich von dem, was einer Verdeutschung der horazischen Briefe angemessen ist; für diese kann ich jenes Recht unmöglich einräumen; und wenn andere hierüber toleranter denken, so gereicht es mir doch gewiss nicht

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zum Vorwurf, wenn ich allzustreng gegen mich selbst war und auf ihre Anwendung Verzicht leistete.

Doch diess Bekenntniss meiner idiosynkratischen Antipathieen sei hier nur vorläufig abgelegt, und werde seines Orts möglichst begründet.

Der Accent ist in einer accentuirenden Sprache wie die deutsche ein wahres Heiligthum ; schwerlich haben so viele deutsche Wörter ihren Accent im Lauf der Jahrhunderte gewechselt, wie im Griechischen, und in sehr wenig Fällen herrscht dialectische Verschiedenheit, wie in dem bairischen hinunter statt des hochdeutschen hinunter. In der Volkspoesie deckt die Beachtung des Accentes alle anderen Mängel des Versmaasses zu. Um so mehr kann der Accent auch in der Kunstpoesie Schonung und Ehrerbietung ansprechen. Heisst das aber den Accent schonen, wenn man angstvoll so im Vers gebraucht, dass die betonte Silbe in die Thesis zu stehn kömmt, und die sprachlich unbetonte durch ihre Stellung in der Arsis den rhythmischen Ton erhält, mithin Sprache und Rhythmus mit einander in Streit gerathen? Einen Hexameter, der mit Kehr um! beginnt, bin ich unfähig zu scandiren, und ich hoffe meine Uebersezung sezt nirgend einen Leser in diese Verlegenheit *).

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*) Und durchbricht unvermerkt siegreich die verkehrte Beeklung

X, 25 A. Dass 'Anmuth und Ruhm ihm werde IV, 10 Q. Als Stadtknecht auf das Land oft lockte dich stilles Verlan

gen XIV, 14 H. Der lang stockende Geist wirksam zu vertreiben den Ruf hat

XV, 7 F. Oder erweckt Sehnsucht dir eine von Attalus Städten? XI, 5 A. Wen die verderbliche Lust aus zieht, der gefährliche Würfel XVIII,

21 F. Dass er des Geistes Nero's nicht unwerth sei IX, 4G. Durch Aufruhr, durch List, durch Zorn, Zwietracht und Begier

wird II, 15 F. Leg áb, mein ists, spricht er XVI, 35.

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